Der Rasen: Statussymbol und ökologisches Desaster

Der Rasen: Statussymbol und ökologisches Desaster

48 Millionen Einträge spuckt Google aus, wenn man nach dem Stichwort „Rasen“ sucht. Fast alle beschäftigen sich mit der Pflege des Grüns. Daran gekoppelt jede Menge direkte Links zu Hilfsmitteln, deren Verkauf nicht wenigen Unternehmen bares Geld bringt. Alles zum Wohle des perfekten Rasens.

Grüne Wüste

Aus rein ökologischer Sicht wissen wir natürlich, dass Rasenflächen grün gestrichene Wüstengebiete sind. Die makellose Monokultur im eigenen Garten. Oder im größeren Maßstab am Golfplatz.

Ende der 1980er-Jahre schätzte man die Rasenfläche in den USA bereits auf 6,4 Millionen Hektar, steht in Mollisons „Handbuch der Permakulturgestaltung“. Man darf annehmen, dass diese Zahl sich bis heute nicht verringert hat. In seinem Buch aus dem Jahr 1988 widmet er dem Thema sogar ein ganzes Kapitel.

Grüner Rasen

Makelloses Grün, bestehend aus wenigen empfindlichen Gräsern.

6,4 Millionen Hektar Boden, die nicht für die Erzeugung von Lebensmitteln genutzt werden. Und auch keinen Lebensraum für heimische Lebewesen bieten. Von ein paar Regenwürmern abgesehen, die hart im Nehmen sind. Der einzige Nutzen von Rasen liegt in der Genugtuung, die er dem Besitzer oder der Besitzerin beschert, wenn er so wie geplant gedeiht. Der Natur ein Schnippchen geschlagen innerhalb der eigenen Zaungrenzen.

Der Rasen hat Geschichte

Die Geschichte des Rasens in der heutig vertretenen Form ist durchaus interessant. Schon in der Antike gab es in Sportstätten wie Arenen oder Stadien vermutlich Gras- oder Sandflächen zur Sportausübung und zur Abhaltung von Wettkämpfen. Ob diese Flächen dem heutigen Sportrasen ähnelten und welche Pflegemaßnahmen nötig waren, konnte ich nicht herausfinden.

Frühe Funde von sensenähnlichen Werkzeugen aus der Eisenzeit legen nahe, dass man sich die Arbeit bald leichter machte und nicht mehr nur Weidetiere zum Kurzhalten des Grases (und zur Ernährung der Tiere) einsetzte. Mit der Verbreitung und Weiterentwicklung des praktischen Geräts begann ein Stück Kulturgeschichte: Die Einführung der Mahdwirtschaft. Und damit Wiesen. Es mag einige verwundern, dass die meisten Wiesen mit ihrer besonderen Artenvielfalt menschengemacht waren und sind. Natürlicherweise existieren Wiesen nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel bei felsigem, besonders trockenen Standorten (Trockenrasen) oder in feuchten Gebieten (Moore). Oder dort, wo noch große Weidetiere dafür sorgen, dass sie nicht verbuschen und letztendlich verwalden. Unsere Almen würden ohne Zutun des Menschen ganz anders aussehen. An Rasenflächen als Gestaltungselement in Gärten dachte noch längere Zeit niemand, denn diese dienten ausschließlich dem Anbau von Lebensmitteln. Fruchtbares Land war kostbar und ernährte die Menschen in der nächsten Umgebung.

Lustwandeln im Grünen

Vermutlich von England ausgehend begann die betuchtere Gesellschaft im 13. Jahrhundert, prächtige Parks mit großen Rasenflächen anzulegen, die erstmals nicht der Futtergewinnung dienten, sondern ausschließlich dem (auch sportlichen) Vergnügen. Sie schuf idealisierte Landschaften, die zwar die Natur nachahmten, aber doch einen Gegensatz zum Wilden bildeten. Damals war auch schon von einer Art Rollrasen die Rede: Grassoden von kurz gehaltenen Weidegründen wurden ausgestochen und an anderer Stelle wieder aufgelegt.

Englischer Park

Englischer Rasen im Kontrast zu geschnittenen Gehölzen und heimischen Bäumen

Im Barock dominierten noch sehr strenge Formen und ab 1730 begann man wieder in England mit der Planung von ausgedehnten Landschaftsgärten. Der Rasen bildete den Kontrast zu Himmel und sorgfältig angelegten Bepflanzungen. Die Ruhe, die einheitliches Grün ausstrahlt, wussten auch fernöstliche Gartengestalter früh zu nutzen. Allerdings ursprünglich mit Moos, das eine besondere Bedeutung hatte, wie jedes Element im angelegten Garten. „Die Natur als gleichberechtigten Partner“ zu sehen, wie die FAZ schreibt, ist heute vergessen. Sinnloses Dekor findet man meistens dort, wo trendbewusste EuropäerInnen Gartenbauunternehmen mit der Anlage von „japanischen Gärten“ beschäftigen.

Akkurate Schurrasen sind nur mit großem Aufwand zu erhalten. Weil sich die Natur, wenn wir nicht aufpassen, sehr schnell regeneriert, findet man auch heute oft trotz aller Sorgfalt eine durchaus respektable Anzahl verschiedener Arten in Parkflächen. Jeder leidgeplagte Rasenbesitzer weiß um die Hartnäckigkeit von Gänseblümchen, Weißklee oder Maulwürfen.

Bauer sein war gestern

Mit der Erfindung des Rasenmähers und dem Entkoppeln von Gärten als Lebensmittelspender fand der Rasen Einzug in Privatgärten. Die „Natur da draußen“ zu bezwingen, ihr etwas entgegenzusetzen, scheint Programm zu sein. Möglicherweise spielt in den Anfängen der „dritten Landwirtschaft“, wie Mollison die Rasenwirtschaft nennt, auch folgende Überlegung eine Rolle: Der Mittelstand versuchte, sich aus dem Bauernstand abzuheben. Man wolle „seinen Rasen nicht mit bloßer Nahrung besudeln“ (Zitat Bob Schildgen, Lawns: America’s Creeping Carpet“ in Handbuch der Permakultur-Gestaltung). Man musste sich nicht mehr plagen, denn Nahrung war leicht verfügbar, andere – die Bauern – erzeugten sie.

Blumenwiese

alte, gewachsene Blumenwiese im Grazer Garten

Daraus entstand mit der Zeit ein ganzer Industriezweig. Warum aber ist das ein Thema in der Permakultur? Schließlich gibt es nach wie vor große öffentliche Rasenflächen und denken wir an die riesigen Golfplätze, die auf fruchtbaren Feldern angelegt wurden und werden. Landwirtschaftliche Flächen werden immer weniger, weil sich lukrativere Geldquellen für LandwirtInnen auftun. Verantwortliche PolitikerInnen spielen das Spiel mit. Diese Herausforderungen müssen auf politischer Ebene angegangen werden und wir können dies unterstützen, indem wir entsprechende VolksvertreterInnen wählen und uns in gemeinnützigen Organisationen engagieren.

Welches Potenzial aber in Privatgärten steckt, liegt auf der Hand. Und vor allem IN unserer Hand! Für vorwiegend Wohnnutzungszwecke gewidmete Flächen betrugen in Österreich zum Beispiel 2020 laut ÖROK-Atlas 132.210 Hektar. Dazu kommt noch einmal etwa die selbe Fläche an gemischtbaulichen Widmungen plus weitere Widmungsformen in kleinerem Ausmaß. Zum Vergleich: Für 2018 ergab eine Auswertung ebenfalls der ÖROK (Österreichische Raumordnungskonferenz) einen Anteil an Ackerflächen von ca. 1,3 Millionen Hektar, Tendenz sinkend. Natürlich wird nicht jede landwirtschaftliche Fläche zur Erzeugung von Lebensmitteln genutzt, ein Beispiel für eine zweifelhafte alternative Nutzung findet sich weiter unten. Wir hätten also eine durchaus beachtliche Menge an Land zur Verfügung, um eigene Lebensmittel anzubauen.

Rollrasen statt Weizen

Stattdessen wird der Großteil dieser wertvollen Flächen unter fast schon obszöner Ressourcenverschwendung degeneriert. Ohne Nutzen für die Menschheit oder die Natur im allgemeinen Sinne. Obwohl jetzt gerade wieder ein gewisser Trend zum eigenen Gemüse und auch zum ökologischen Gärtnern erkennbar ist, genügt ein Blick in die Nachbarsgärten, um zu zeigen, dass wir NaturgärtnerInnen in der Unterzahl sind.

Betrachten wir den Weg des idealisierten Rasens etwas näher:

Zuerst muss er angelegt werden. Saatgut aus speziellen Sortenmischungen für jede beliebige Nutzung wird unter hohem Einsatz von Pestiziden und fossilen Energieträgern hergestellt. Der Boden muss entsprechend vorbereitet werden, manchmal sogar mit einem Gitter unter dem Substrat gegen Maulwürfe. Dann wird eingesät oder auf fertige Rollrasen zurückgegriffen. Ein großer Fertigrasenproduzent in Österreich, Zehetbauer, nutzt seine seit zwei Jahrhunderten im Familienbesitz befindlichen landwirtschaftlichen Flächen schon lange nicht mehr für den Anbau von Lebensmitteln. Er nennt sein Produkt übrigens „Naturrasen“. Und die geeigneten Düngemittel und Pflegeprodukte gibt’s für Private, GolfanlagenbetreiberInnen und GartengestalterInnen gleich mit dazu. Ein einträgliches Geschäft.

Ein anderer Hersteller, ebenfalls im Marchfeld zuhause, verkauft einen Quadratmeter Rollrasen um etwa sechs Euro. Macht 60.000 Euro für den Hektar. Ein Hektar konventioneller Weizen bringt etwa fünf Tonnen Körner hervor. 2018/19 beziffert die Zeitschrift „Agrar heute“ den Weizenpreis mit etwa 200 Euro pro Tonne. Der Unterschied ist enorm, auch wenn diese einfache Rechnung sicher nicht alle Parameter mit einbezieht.

Dann haben wir also den Rasen und idealerweise die Startdüngung (meist auf mineralischer Basis) und eine Bewässerungsanlage gleich mitgekauft. Jetzt heißt es wässern, schneiden, wässern, schneiden. Später nachdüngen, weil wir mit dem Schnitt dem Rasen ja feinsäuberlich Nährstoffe entziehen, die wir wieder nachfüllen müssen. Manchmal ist der Dünger auch gleich mit passenden Pestiziden gemischt, damit Unkräuter und Schädlinge keine Chance haben. Hier ist nicht Glyphosat das Mittel der Wahl, sondern Dicamba. In jedem Gartenmarkt ganz einfach zu bekommen. Vertikutieren, kalken, besanden und belüften nicht vergessen!

Den Rasenschnitt verwenden wir natürlich nicht im Gemüsebeet oder Komposthaufen, um ihn wieder zu veredeln. Sondern wir zahlen für seine Entsorgung und kaufen lieber Blumenerde, die in der Hauptsache aus Torf besteht, für unsere paar Zierpflanzen. Wenn das nicht paradox ist.

Blumenrasen

Blumenrasen im Frühling – ein Kompromiss und nicht nur ein Genuss für’s Auge!

Zwar gibt es sogar schon biologisches Rasensaatgut und auch organischer Dünger ist auf dem Vormarsch. Aber erstens in homöopathischen Dosen und zweitens ändert es nichts an der Tatsache, dass wertvolle Flächen verschwendet werden.

Mach’s dir selbst!

Deshalb lohnt es sich, mit gutem Beispiel voranzugehen, den Nutzen von selbst gezogenen Obst und Gemüse wieder zu erkennen, Kreisläufe wieder zu erlernen und den Geschmack der eigenen Vielfalt zu entdecken. Und wenn wir wenig Zeit haben, planen wir unseren Garten so, dass er uns mit wenig Zutun zumindest ein bisschen versorgt. Mit mehrjährigem Gemüse, Obst, Nüssen und Wildkräutern. Und geben der Natur auch im Garten eine Chance.

„Wir können also Rasen – wie Doppelgaragen oder große Wachhunde – als ein Kennzeichen willentlicher Verschwendung, obszönen Verbrauchs und eines Mangels an Fürsorge für die Erde und ihre Bevölkerung betrachten.“

Bill Mollison, Handbuch der Permakultur-Gestaltung

Wer erkennt, dass Rasenpflege nicht nur sinnlos, sondern mühsam und nicht zukunftsfähig ist, hat viel gewonnen. Oft genügt es, in kleinen Schritten zu beginnen, weniger oft zu mähen, Wildkräuter zuzulassen. Aus einem Rasen aus empfindlichen Zuchtgräsern einen Blumen- oder Kräuterrasen wachsen zu lassen oder irgendwann sogar eine Wiese. In diese lassen sich verschlungene Wege mähen, so wird die „alte Ordnung“ noch in Teilen aufrecht erhalten und die Persönlichkeit hat Zeit, sich langsam an die neue zu gewöhnen. Und Dinge zu entdecken, die viel wertvoller sind als makelloses Grün.

Gemüse anbauen und zur Selbstversorgung beitragen

Man muss nicht so weit gehen wollen wie Mollison, der für ungenutzte Rasenflächen eine Steuer vorschlug. Betrachten wir das Element Rasen aus permakultureller Sicht, ist sein Zitat am Ende aber immer noch gültig.

Mehr zum Thema:

  • Bill Mollison: Handbuch der Permakultur-Gestaltung
  • „Grüne Reihe“ des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft Teil II und III zur Geschichte von Parks
  • Ulrike Aufderheide: Rasen und Wiesen im naturnahen Garten, Pala Verlag

Alex

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