Projekt: Wildgarten Hornstein

Projekt: Wildgarten Hornstein

Im Herbst 2020 hatte ich Zeit und wollte endlich etwas tun. Schon lange schwebte mir ein etwas anderer Gemeinschaftsgarten vor. Einer, bei dem interessierte Menschen vorbeikommen können, ökologische Zusammenhänge lernen, gemeinsam garteln und das eine oder andere dann auch zuhause umsetzen! Vorbildwirkung sollte er haben, zum Nachmachen anregen und die Augen öffnen.

Der eigene Garten zu klein, der alte Familiengarten zu weit weg, startete ich einen Aufruf in einer Ortsgruppe auf Facebook, ob denn jemand ein ungenutztes Grundstück besitze und dieses für diesen Zweck ein paar Jahre zur Verfügung stellen würde.

Ohne große Erwartung einer Antwort, meldete sich tatsächlich ein engagierter Bewohner! Nach einem Treffen vor Ort saßen wir kurze Zeit später gemeinsam mit seinem Vater, dem eigentlichen Besitzer, am Tisch und unterschrieben den Leih-Vertrag. Facebook-Gruppe angelegt und das Projekt Wildgarten Hornstein in einem 800 m2 großen, alten Marillengarten konnte beginnen!

Die Herausforderungen:

  • langes, schmales Grundstück, nur etwa 8 Meter breit
  • umgeben von landwirtschaftlich genutzten Feldern (direkt angrenzend glücklicherweise biologisch bewirtschaftet)
  • regionaltypisch sehr wenig Niederschlag, dazu starke Winde
  • sehr trockener, steiniger und harter Boden
  • kein Wasserzugang
  • vermutlich hoher Wilddruck
  • nur per Rad oder zu Fuß erreichbar
  • Gefahr von Vandalismus

Die Gegebenheiten:

  • gewachsene Streuobstwiese mit fünf sehr alten Marillenbäumen, einem noch jungen Nussbaum und einer Kirschpflaume
  • bisher ein bis maximal zwei Mal im Jahr gemulcht, einmal im Jahr Marillenernte, sonst keine Nutzung. Von früheren Generationen wurden aber auch Kürbisse und Erdäpfel angebaut.
  • trotz des Mulchens vergleichsweise hohe Artenvielfalt
  • direkt am Radweg gelegen

Der Anfang

Zum ersten Infotreffen Ende Oktober kamen einige interessierte Menschen aus dem Ort, und ich habe einen Gestaltungsplan vorgestellt, wie dieses kleine Refugium inmitten der umgebenden Monotonie aussehen könnte.

Erster Schritt war, noch im Herbst, die Beete für das nächste Jahr vorzubereiten. Weil natürlich viel zu wenig Mulchmaterial vorhanden war, haben wir die Karton-Heu-Methode gewählt. Sie ist durchaus umstritten, funktioniert aber bestens. Vorab habe ich mühsam mit einer ausgeliehenen Motorsense zumindest etwas Gras gemäht. Durch das jahrelange Mulchen wäre die Sense nicht durch den Filz gekommen. Außerdem habe ich mit dem kleinen Benzinrasenmäher gleich ein paar Wege gemäht – und schon wirkt der Garten wie ein Garten!

Beim diesem ersten Mitmach-Tag am 25. Oktober haben fleißige MitstreiterInnen mit mir gemeinsam große Kartons aufgelegt und das wenige Heu darauf verteilt. Weil gerade Strauchschnitt im Ort abgeholt wurde und vor den Häusern lag, haben wir gleich jede Menge davon geholt, um mit Ästen (und Steinen und alten Eisenrohren, die auf dem Grundstück lagen) die Kartons gut zu befestigen. Ein paar Wochen später habe ich noch einen kleinen PKW-Anhänger voll Pferdemist darüber geschaufelt.

Fleißig: Kartons aufgelegt und gut befestigt, dann soviel Mulch drauf, wie wir hatten.

Mit Strauchschnitt einen Mini-Windschutz-Wall geschichtet, den haben wir in weiterer Folge durch Paletten ersetzt.

Das Windproblem haben wir später versucht, mit Einweg-Paletten vom Fliesenleger ums Eck etwas in den Griff zu bekommen, die wir am Rand des Gemüsebeetes aufgestellt und befestigt haben. Das hat zwar ganz gut funktioniert, wird aber schon aus optischen Gründen vermutlich keine Dauerlösung sein.

Frühling

Im März war der erste Mitmach-Tag in diesem Jahr und wieder waren einige HelferInnen vor Ort! Wir haben Himbeeren und Ribisel gepflanzt, die ich aus meinem Garten mitgebracht hatte. Sie bekamen noch etwas Rohwolle mit ins Pflanzloch und einen Schutz aus dem restlichen Strauchschnitt von der Herbst-Aktion. Dazu haben wir begonnen, ein Wildpflanzen und Kräuterbeet anzulegen, also die Grasnarbe abzustechen. Hier kamen gleich einige Jungpflanzen aus eigener Anzucht hinein.

Wieder viel gearbeitet und Obststräucher gesetzt. Davon haben leider nur zwei überlebt. Nächster Versuch im Herbst.

Im April haben wir begonnen, die ersten Kartoffeln zu legen, um die Beete für weitere Kulturen vorzubereiten. Ich hatte noch viele Kisten aus der letztjährigen Ernte in Graz übrig. Die MitgärtnerInnen waren recht erstaunt, wie gut die Mulch-Methode funktioniert. Der Boden unter dem Karton war im Vergleich zur steinharten Wiesen nebenan locker und gut zu bearbeiten, das Gras schon gut von den kleinen Helferleins umgesetzt und kaum mehr vorhanden.

Meine neu entdeckte Methode, mit der schweren Pflockramme (liebevoll von mir „Drachentöter“ genannt), Löcher in eigentlich perfekter Größe und Tiefe zu machen (einfach einmal fallen lassen), hat sich im Nachhinein als nicht sehr praktikabel erwiesen. Die Erde im Pflanzloch war dadurch verdichtet und das Wetter mit zuerst viel Regen und dann langer Dürre in Verbindung mit kurzem Rasenschnitt in den Löchern ließ doch einige Erdäpfel verfaulen. Später hatten sie dann ihre Mühe, im trotz dezenter Mulchschicht trockenen Boden Wurzeln zu schlagen. Aber viele haben es jetzt doch geschafft!

Nicht die beste Idee, mit der Pflockramme Löcher für die Erdäpfel zu machen.

Das Gras wuchs endlich höher und damit auch die Sorge, wie ich ohne Balkenmäher (niemand hier hat dieses praktische Teil mehr!) diese Fläche bewältigen sollte. Ein Anspruch an den Garten ist, dass er schon als Garten erkennbar sein soll. Als erste Maßnahme habe ich wieder den kleinen Rasenmäher eingepackt und der Mann war so nett und hat sich mit einem hübschen Wegenetz ausgetobt. Voilà, schon schaut es wieder top einladend aus und ein paar Fuhren Mulch für das geplante „repräsentative“ Bauerngarten-Blumenbeet im vorderen Teil gingen sich auch gleich aus! Das Thema Mulch ist hier überhaupt wie zu erwarten ein entscheidendes Thema, es gibt immer zu wenig.

Kälte, Nässe, Dürre

Dann kamen der Regen und die Kälte und wir konnten zum geplanten Zeitpunkt keine Paradeiser, die sich bei mir im kleinen Gewächshaus stapelten, pflanzen. Aber am 21. Mai dann endlich! Unzählige Tomaten konnten in ihr neues Zuhause ziehen. Ich war skeptisch, ob sie es ohne Wasser bei diesen Verhältnissen schaffen, aber Versuch macht klug! Sie bekamen ordentlich Rohwolle als Dauerdünger und Wasserspeicher mit auf den Weg, einmal kräftig angießen, das musste genügen. Dazu hatte ich noch ein paar Zucchini- und Kürbispflanzen übrig und einige Andenbeeren. Rein damit! Der starke Wind, der fast ungebremst darübersaust, taugte ihnen nicht, sie haben sich aber gut angepasst. Die Paletten hatten wir nicht über die gesamte Länge des Gemüsebeetes. Unser Glück: Der Biobauer baute auf beiden Seiten unseres Gartens Mais an, was später einen tollen Schutz brachte.

Die Tomaten haben sich erholt und an den starken Wind gewöhnt. Wasser haben sie nur zur Pflanzung bekommen.

Auch die Erdäpfel haben es aus der Erde geschafft – endlich!

Zwischenzeitlich bekamen sie einmal einen Schluck Brennnessel-Jauche, die ich in Kanistern von zuhause hinunterbrachte. Das musste an Pflege genügen. Die Paradeiser wurden weder aufgebunden (wir hatten keine Stecken) noch ausgegeizt. Aber sie bekamen reichlich Heumulch! Inzwischen hatte ich nämlich mit meiner neuen, tollen Sense einen Teil der Wiese gemäht und sie hatten damit ein schön warmes Nest.

Damit war auch der Platz unter den Bäumen frei für die Marillenernte. Das köstliche Obst ist leider aus dem Vertrag ausgeschlossen, da es der Besitzer selbst verwertet. Ein paar goldene Kugeln sind aber immer wieder mal runtergefallen und trotzdem in den Mund gewandert. Diese uralten Bäume, die zum Teil schon halb abgestorben sind, sind faszinierend! Ohne Schnitt oder sonstige Maßnahmen tragen sie jedes Jahr verlässlich so viele Früchte, dass sich die Äste biegen. Und lachen nur über Spätfröste, die rundherum die Ernten ausfallen lassen.

So schön ist die Wiese im Sommer!

Eine Mischkultur im Garten ist noch nicht wirklich möglich. Um hier so etwas ähnliches entstehen zu lassen, habe ich versuchshalber zumindest jede Menge Tagetes dazwischengesät, ich hatte ja reichlich Saatgut. Auch ein paar Sonnenblumen und Rotkrautpflanzen (zwei leben tatsächlich noch!) gingen sich aus. Aufkommende Wildkräuter wie Schafgarbe, Bunte Kronwicke oder Spitzwegerich ließen wir stehen. Lediglich die hier sehr häufige und hartnäckige Sichelmöhre sowie die alles niederringende Zaunwinde versuchen wir, im Zaum zu halten.

Man muss sie im dichten Blattwerk suchen, aber die Tomaten tragen Unmengen an Früchten!

Die wochenlange Dürre in Verbindung mit starken Winden ließ die Kartoffeln wirklich kämpfen und ich hatte Sorge, ob das was wird. Die Tomaten dagegen sind robust, tragen reichlich und sind durch den liegenden Wuchs und das dichte Blattwerk gut geschützt. Was das Beernten allerdings nicht ganz einfach macht. Zusätzlich wacht auf fast jeder Pflanze eine Wespenspinne. Die Tiere finden hier reichlich Nahrung, es wurlt nur so von Heuschrecken, auch selteneren. Die Wege sind überwachsen und es gleicht einer schwierigen Koordinationsübung, vorsichtig über die Pflanzen zu steigen und Früchte zu suchen.

Im Juli endlich Regen! Und zwar reichlich für diese Gegend. Die Tagetes stehen plötzlich in voller Pracht da und auch die Sonnenblumen, die nicht ganz so groß geworden sind, wagen eine Blüte! Das Kraut – naja, das war ein Versuch, aber immerhin leben noch zwei Pflanzen und niemand hat sie vollständig gefressen. Der Versuch, Reiserbohnen an die Paletten zu legen, ist misslungen. Sie haben sich nicht blicken lassen oder wurden vorher von jemandem verputzt.

Jetzt steht die erste Erdäpfelernte an und wir müssen überlegen, was als nächstes kommt! Jede Menge Erdbeer-Ausläufer stehen jedenfalls schon im Kübel bereit und wollen in ein Randbeet gepflanzt werden.

Die erste Probegrabung Erdäpfel und ein bisschen Gemüse im August – es wird!

Was wir noch umsetzen wollen:

  • Schattenkräuter-Beet
  • Wildsträucherhecke (der erste Versuch ging bis auf den Holunder schief)
  • Fertigstellung mediterranes Kräuterbeet
  • Flora Hornsteins-Beet (Motto: Lerne deine Umgebung kennen!)
  • in der Wildniszone ganz hinten: Feuchtbiotop, Schlangenburg, Totholzhaufen
  • kleine Gartenhütte mit Regenwassertank
  • Kompostklo

Und natürlich: gemütliche Sitzecken, um auch zu genießen und zu feiern! Das vergesse ich ja gern vor lauter Arbeit.

Das erste Gartenjahr im Wildgarten Hornstein ist schon fast um. Es dürfen gern noch einige Menschen dazukommen! Etwa alle zwei Wochen am Samstag – und manchmal auch spontan – gibt es die Möglichkeit dazu.

Wer sich interessiert oder mitmachen möchte: Wir haben eine Facebook-Gruppe, in der alle Termine geteilt werden. Auf Instagram berichte ich auch von unseren Fortschritten. Außerdem gibt es eine noch überschaubare Signal- und eine Whatsapp-Gruppe für alle, die sich nicht in sozialen Medien aufhalten!

Alex

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