Die Sache mit der Erde

Die Sache mit der Erde

Die Super- und Baumärkte rüsten auf. Berge von abgepackter Blumenerde stapeln sich in und vor den Geschäften. Obwohl der Winter gerade noch einmal eindrucksvoll zeigt, dass er Anfang Februar nicht vorbei ist, juckt es uns Gartenverrückte in den Fingern. Die ersten Frühlingsknospen sind schließlich schon da und wir müssen dringend Gemüse vorziehen!

Dafür brauchen wir Erde. Aber woher kommt die eigentlich und was ist drin?

Die gute Nachricht

Irgendwie wird das meiste, was wir so an organischem Zeugs wegschmeißen, wieder zu Erde. Damit das braune Zeug verkaufbar wird, muss es aber schon ein paar Anforderungen erfüllen. Damit Nährstoffe und Salzgehalte in etwa gleich bleiben, hat jede Produktionsfirma ein eigenes Geheimrezept für das ideale Mischungsverhältnis der genormten Ingredienzen. KundInnen erwarten schließlich für jede Pflanzsituation die passende Erde. Das war’s auch schon mit den guten Nachrichten.

Inhalt Blumenerde

Das ist drin in der Compo Blumenerde. Will man das im Garten haben?

„Geheim“ ist ein gutes Stichwort, denn eine genaue Auflistung der Zutaten findet man bei den wenigsten gängigen Markenprodukten. Weil sich inzwischen herumgesprochen hat, dass der Torfabbau irgendwie böse ist, verwenden Produzenten dann eben Begriffe wie „organisches Bodenmaterial“ oder „pflanzliche Stoffe“. Organisch klingt super. Oder? Achtet mal drauf.

Es gibt übrigens eine Kompostverordnung in Österreich. Dort ist genau geregelt, was wo in welcher Menge drin sein darf.

Wir holen jetzt mal etwas aus und werfen ein paar Begriffe in den Raum, die gerne durcheinander fliegen. Wem das zu blöd ist und wer gleich zur Blumenerde will, kann jetzt ein bisschen runterscrollen.

Boden, Erde, Kompost oder Humus?

Meistens verstehen wir unter Erde einfach die oberste Schicht des Bodens. Das, worin wir im Garten buddeln und Pflanzen anbauen. Dabei ist Boden so viel mehr und ein hochkomplexes Gefüge. Es lohnt sich, ein bisschen genauer hinzuschauen.

Grundsätzlich besteht der Boden einmal aus vier Teilen:

  • Mineralische Bestandteile
  • Organische Bestandteile
  • Wasser
  • Luft

Die mineralische Substanz macht mit Ausnahme von Moorböden den größten Teil des Bodens aus. Sie hängt mit dem Ausgangsgestein zusammen und liefert unter anderem Mineralstoffe. Wasser und Luft sind mit je etwa einem Viertel am Boden beteiligt. Die organische Masse beträgt außer bei Moorböden unter zehn Prozent der Gesamtmasse. Davon wiederum ist etwa die Hälfte Humus, ein Zehntel lebende Pflanzenwurzeln und noch ein kleiner Masseteil: das sogenannte Edaphon, also die Bodenflora und -fauna mit einer unvorstellbaren Vielzahl an Organismen. Pilzen und Algen, Bakterien und Würmern.

All das zusammen bildet also den Boden, je nach Zusammensetzung in unterschiedlicher Ausführung.

Waldboden: der perfekte Kreislauf

Und was ist dann Humus? Vereinfacht könnte man sagen, dass Humus die umgebauten oder zersetzten organischen Stoffe sind. Das, was wir im Komposthaufen unten herausbekommen, wenn’s fertig ist. Dieser nährt das Bodenleben und ist voll von Mikroorganismen. Und erst im Verbund mit den anderen Bestandteilen des Bodens bildet sich im Idealfall langsam ein sogenannter Ton-Humus-Komplex. Hier spielen auch noch chemische Reaktionen eine Rolle. Und erst dann haben wir ein stabiles Bodengefüge mit einer feinkrümeligen Struktur. Diese sorgt dafür, dass Wasser gespeichert, Nährstoffe nicht ausgeschwemmt werden und Wurzeln gut durchkommen. Der ideale fruchtbare Boden für den Anbau von Lebensmitteln also. Die Humusschicht wird in einem funktionierenden Ökosystem immer wieder ab- und wieder neu aufgebaut. An Waldboden lässt sich dieser Kreislauf gut beobachten: Blätter fallen runter, verrotten, bilden Humus, die Nährstoffe werden von den Bäumen wieder aufgenommen und so weiter.

Kompost bezeichnet eigentlich nur das gezielte, von Menschenhand erfolgte Sammeln von organischem Material. Aber wir nennen auch fertigen oder reifen Kompost oft Humus. Wir vermischen immer wieder Begrifflichkeiten, sie sind aber eben auch nicht immer klar abgrenzbar. Und wir haben jetzt wieder ein paar Wörter, mit denen wir uns ein bisschen wichtig machen können.

Kein Boden im Garten

All diese komplizierten Vorgänge erklären, warum die meisten Gartenböden mit natürlichen Böden recht wenig zu tun haben. Verschiedene Materialien einarbeiten, unterschiedliche Pflanzen anbauen, umgraben und so weiter. Auch sind viele Gartenböden zusammengemischt, vor allem bei Neubauten werden Flächen oft neu angelegt und Erde von irgendwoher gekarrt. Gewachsener Boden braucht viele Jahrzehnte, bis er stabil ist. Auch wenn wir laufend mulchen und das Bodenleben rund um die Uhr mit Leckerbissen verwöhnen, bilden wir in erster Linie sogenannten Nährhumus, der nicht von Dauer ist.

Bis ein Zentimer Dauerhumus aufgebaut ist, dauert es viele Jahre. Da Humus zu einem großen Teil aus Kohlenstoffen besteht, ist er unser wertvollster und dabei am wenigsten beachtete Speicher. Jede Bodenbearbeitung setzt Kohlenstoff-Dioxid frei und bringt das Bodengefüge aus dem Gleichgewicht. Dazu kommen Monokulturen und nackte Böden. Darauf wurde gerade in der Landwirtschaft wenig Rücksicht genommen, der Boden als reine „Haltevorrichtung“ für Pflanzen genutzt und die Kulturen mit mineralischem Dünger direkt genährt. Und die kostbare Humusschicht auf der Erde wird immer dünner. Manchmal, in Menschenzeiten gerechnet, ist der Verlust unwiderbringlich. Langsam beginnt auch hier ein Umdenken, Bio-Bauern und Wissenschafler weisen immerhin schon lang auf die Bedeutung eines gesunden Bodens hin.

Alles Humus, alles gut

Humus allein macht also noch keine Erde, in der viel wachsen soll. Vielmehr nährt er sozusagen das Bodenleben, das wiederum die Nährstoffe für unsere Pflanzen verfügbar macht. Vereinfacht gesagt.

Jetzt sollte uns spätestens klar sein, dass abgepackte Blumenerde trotz Unterschieden in der Qualität nichts mit „Boden“ zu tun hat. Und mit Permakultur schon gar nicht, denn wir denken, wo immer es möglich ist, in Kreisläufen. Und wir verwenden, was wir verfügbar haben.

Was nehmen wir also jetzt, um Jungpflanzen anzuziehen? Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten, je nachdem, ob ein Garten (eigener oder von Bekannten) zur Verfügung steht oder nicht.

Maulwurfserde eignet sich meistens gut zum Aussäen von Gemüse. Hier ohne weitere Zusätze.

Lieblingsaussaaterdeproduzent

Maulwürfe sind im Gemüsebeet nicht unbedingt willkommen, weil wir ihre Begeisterung, unsere frisch gepflanzten Paradeispflanzen einen Stock höher zu befördern, nicht teilen. Sie fressen übrigens keine Pflanzenwurzeln. Haben wir die Plüschis aber in der Wiese, zeigt es erst einmal, dass wir einen recht guten Boden haben, in dem ordentlich Leben ist, von dem er sich ernähren kann. Und dann bringt uns so ein Hügel feinste Aussaaterde! Ganz umsonst. Wobei das schon abhänigig von der Bodenqualität ist. Bei seht tonigem oder steinigen Boden musst du einfach mal ausprobieren und auch eventuell mischen. In meiner Gegend funktioniert das seit Jahren gut. Die Erde ist fein, relativ nährstoffarm und hat wenig Unkräuter drin, weil sie aus tieferen Schichten kommt. Meine Erfahrung: Im Vergleich zu gekaufter Aussaaterde pappt reine Maulwurfserde natürlich eher zusammen und manchmal braucht die Saat daher auch länger um aufzugehen. Aber gelungen ist es immer noch.

Reifer Kompost

Also Humus quasi. Im Gemüsegarten haben wir immer zu wenig Kompost, es bleibt schließlich fast nichts übrig am Ende. Glücklich, wer da Überschüsse hat! Dann kannst du ihn nämlich wunderbar als Aussaaterde benutzen. Wichtig ist dabei nur, dass die Kompostierung abgeschlossen ist. Ist sie das nicht, beinhaltet er noch keimhemmende Substanzen und das wollen wir ja eher nicht. Du kannst das ganz einfach mit dem bekannten Kressetest ausprobieren. Keimen die Samen schnell und schauen gesund aus, stehen die Chancen gut, dass auch anderes Saatgut gut gedeiht.

Feiner Kompost, fast fertig. Perfekt für den Garten, für das Vorziehen von Gemüse noch etwas zu unreif.

Viele machen ihre ganz eigene Mischung und fügen noch Gartenerde (unter der Mulchschicht rausnehmen, perfekt!), ein bisschen Holz-Kompost (unter dem sehr alten Totholzhaufen, Vorsicht wegen der Tiere drin!) oder Sand dazu. Sand ist natürlich schon wieder ein Kompromiss.

In vielen Gemeinden gibt es bei den Bauhöfen günstig oder sogar gratis (in Wien zum Beispiel) veredelten Biomüll in Form von Kompost zu holen. Tolle Sache! Hier besteht allerdings die Gefahr, dass auch kleinste Plastikteile oder sonstige nicht erwünschte Substanzen dabei sind. Also nur bedingt für Gemüse zu empfehlen. Beziehungsweise schauen, ob es eine Zertifizierung für Gemüsebau gibt. Der Vorteil: Krankheitskeime und Unkrautsamen sind in der Regel nicht mehr vorhanden. Im Unterschied zum heimischen, kleinen Komposthaufen wird nämlich in der professionellen Kompostierung eine Heißrotte erreicht.

Sterile Aussaaterde im Backofen herzustellen, wie oft empfohlen wird, ist meiner Meinung nach überhaupt nicht nötig. Denn dann sind nicht nur die Unkrautsamen tot, sondern auch alle Mikroorganismen. Und die Ressourcenverschwendung wegen ein paar möglicherweise auftauchenden Beipflanzen ist enorm. Freut euch doch, wenn ihr die eine oder andere überraschende Begleitung dazu bekommt! Manchmal ist sie nützlich, manchmal sogar hübsch. Nur Quecke und Giersch würde ich wirklich vermeiden, aber man weiß ja, wo man Erde schaufelt.

Der Kompromiss: Erde kaufen, aber welche?

Es gibt natürlich hochwertige Erden auch zu kaufen. Wenn’s sein muss. Kundige Menschen haben sich damit ein Geschäft aufgebaut. Ein guter Hinweis für verantwortungsvolle Produktion sind immer eine genaue Bezeichnung der Inhaltsstoffe und möglichst regionale Herkunft. Das ist oft nicht nachvollziehbar. Torffrei (geprüft!) muss selbstverständlich sein, idealerweise sogar noch für den biologischen Gartenbau zugelassen.

Torf ist übrigens „nur“ deshalb als Bestandteil so beliebt, weil er ein toller Wasserspeicher ist und die Erde locker, krümelig macht. Und weil er immer noch billig ist. Im Gegensatz zu gutem Kompost-Humus, der ja erst hergestellt werden muss und nicht einfach mit dem Bagger abgebaut wird.

Regenwürmer sind toll. Sie sind der sichtbare Teil der vielfältigen Arbeitsmannschaft im Boden. Diese Art hier findet man aber nicht im Komposthaufen, dort sind andere Spezialisten am Werk.

Gerald Dunst von Sonnenerde zum Beispiel stellt verschiedene Erden für alle Gelegenheiten her, viele auch biologisch. Die Inhaltsstoffe sind bei allen Substraten angegeben und beschränken sich auf wenige, lokal verfügbare. Kokosfasern habe ich hier nicht gefunden. Torf übrigens auch nicht. Sogar Moorbeeterde schafft er, ohne Torf nachzubilden. Und natürlich ist auch diese Firma schon lang auf den „Terra preta“-Zug aufgesprungen. Die Wunderkohle aus dem Regenwald, die alles regelt. Dazu gibt es schon einen schönen Artikel von Permakultur.de. Hergestellt in einem hochmodernen, ressourcenschonenden System aus Landwirtschaftsabfällen. Im eigenen Garten machen ist nämlich sicher nicht umweltschonend, auch wenn es zahlreiche Anleitungsvideos auf Youtube gibt.

Auch schön: Sie verwerten zum Beispiel Fasern, die bei der Biogas-Herstellung aus Rindermist übrigbleiben. Als Mulchmaterial lassen die sich dann kaufen. Ebenso wie Ziegelsplit, der als Abfall bei der Tondachziegel-Produktion anfällt.

Einen anderen Ansatz wählt Vermigrand. Das Unternehmen hat sich auf Wurmhumus spezialisiert und arbeitet ebenfalls ausschließlich torffrei. Auch hier sind die Inhaltsstoffe transparent angegeben und es gibt Bio-Erden und Kompost. Hab ich auch schon einmal getestet, weil draußen alles geforen war, und war zufrieden.

Natürlich sollte schon längst jeder und jede WohnungsinhaberIn ohne Garten einen eigenen Wurmkompost haben. Lässt sich ganz einfach bauen und teure Würmer muss man auch nicht unbedingt kaufen, wenn man Bekannte mit einem funktionierendem Komposthaufen hat. Der ja auch nix anders als eine Wurmfarm ist, im kleinen Stil. Ein bisschen mehr Geduld ist dann aber angebracht, denn die Viecherleins müssen sich ja erst massenhaft vermehren. Praktisch dabei: Viele Würmer machen feinsten Humus in vergleichsweise kurzer Zeit.

Gängige Marken und Gartenmarkt-Eigenproduktionen sind wirklich zu hinterfragen, müssen aber ökologisch gesehen nicht unbedingt schlecht sein. Hinschauen und nachfragen!

Konkret würde ich also die Reihung der Bezugsquellen für Erde so vornehmen:

  1. Eigenes Substrat oder Bekannte um Schaufel-Erlaubnis bitten (Maulwurfserde, Gartenerde, Kompost, Wurmkompost)
  2. Humus/Fertigkompost vom nächsten Kompostwerk oder Gemeinde-Bauhöfen
  3. Torffreie Bioerden (Achtung: nicht jede Bio-Erde ist automatisch torffrei. „Torfreduziert“ heißt meist auch noch bis 75 % Torfgehalt!). Auf verantwortungsvolle Herstellung achten!
  4. Torffreie Erden von anderen Herstellern – nur wenn es ganz dringend ist und 1-3 nicht verfügbar.
  5. Billig-Erde ohne genaue Inhaltsangabe: Niemals!

Wer lieber Jungpflanzen kauft, kann nachfragen, in welchem Substrat sie gezogen sind. Auch Biobetriebe beziehen leider oft (günstigere) Erden, die Torf beinhalten. Ein kleiner Betrieb, der im Sinne der Kreislaufwirtschaft keine Erde zukauft, ist der Garten der Vielfalt in der Weststeiermark. Ich weiß, ich wiederhole mich. Es gibt dort weder prächtige Buschen noch modern designte Namensschildchen. Dafür sind die Pflanzen wirklich robust. Und die ausführliche Beratung gibt’s gratis dazu.

Gemüsegarten

Guter Boden, Mulch und vielfältige Bepflanzung schaffen üppiges Wachstum.

Abschließend kann man wohl sagen: Erde kaufen ist immer ein Kompromiss: Einwegplastik, zweifelhafte Inhaltsstoffe. Manchmal komme aber auch ich nicht mit dem aus, was ich habe. Weil der Kompost einfach noch nicht reif ist zum Beispiel. Dann bewaffne ich mich bei Plus-Graden aber trotzdem lieber mit Kübel und Schaufel. Und beglücke RasenbesitzerInnen, die sich wundern, dass ich sie freudestrahlend von der Maulwurfs-Hügellandschaft befreie.

Alex

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