Fürn Oasch – keine Ode an das Virus

Es folgt der Text eines leicht frustrierten Menschen, der vieles streift. Weil alles zusammenhängt. Manchmal muss es einfach raus. Damit es nachher wieder leichter geht, dem Wahnsinn dieser Welt optimistisch zu begegnen. Und man die sizilianischen Kakaomandeln (Nummer 7673 in der Abfüllstation unseres Bioladens) wieder genießen kann. Untermalt mit Bildern aus dem Nationalpark Thayatal, der grenzübergreifend zeigt, wie es auch gehen kann.

Danke Virus?

Wir Menschen müssten diesem Virus eigentlich so dankbar sein. Dankbar, dass es uns wieder darauf besinnen lässt, was eigentlich wichtig ist. Eine intakte Umwelt etwa, oder eine unabhängige Lebensmittelversorgung. Oder, aber das ist dann schon wirklich viel: ein funktionierendes Gesundheits- oder Sozialsystem, das zur Not auch ohne Importe aus China auskommt. Dankbar, dass jetzt endlich auch der letzte Trottel weiß, dass es DAS Virus ist und nicht DER. Obwohl der Duden, naja…

Statt dessen haut dieser kleine Scheißdreck von Virus die Weltordnung zusammen. Unsere schöne heile Welt! Die wohl doch zerbrechlicher ist als wir verwöhnten Leute dachten. Jobs gingen flöten, Existenzen wurden vernichtet, wir haben Alte weggesperrt – zu deren eigenen Schutz natürlich, und wir haben uns eingesperrt. Wir haben sogar Masken aufgesetzt, um andere zu schützen! Wir sind toll. Wir haben mitleidig nach Italien geschaut und gleichzeitig argwöhnisch andere beobachtet, ob sie eh alles richtig machen.

Veränderung? Nicht mit mir!

Jetzt schaut niemand mehr mitleidig nach Südamerika oder Afrika. Zu weit weg. Wir wollen endlich wieder in den Urlaub fliegen, jetzt, wo wir uns drei Monate so eingeschränkt haben! Wir wollen weiter unser Auto für jeden Meter benutzen und zwar möglichst für uns allein, wir wollen weiter billigst Fleisch essen, jeden Tag! Wir sind zwar auch gegen die Verbauung, das gilt aber nur, wenn es andere betrifft. Unser eigenes Haus dürfen wir aus billigsten Materialien, die in 1000 Jahren nicht verrotten, bitteschön schon noch so auf die grüne Wiese bauen, wie wir wollen. Mit Doppelgarage, Pool, Aluzaun, Klimaanlage und Rasenroboter. Und das nächste Einkaufszentrum am Ortsrand sowieso – bringt ja schließlich Geld in die Gemeindekassa.

Blick von der Grenzbrücke in Hardegg. Nationalpark Thayatal, grenzübergreifend.
Ja, aber…

Wir wollen alternative Energien, aber bitte kein Windrad in der Nähe. Na gut, das war schon immer so. Aber Wasserkraft ist eh besser, wir haben ja so viele Flüsse! Elektroautos sind nach wie vor verpönt, wegen der Rohstoffe! Und was uns diese Umweltschützer alles vorlügen! Wir sitzen weiter am Balkon oder im bekiesten „Garten“ und unterhalten uns möglichst laut, weil gerade viel Verkehr herrscht und husten zwischendurch wegen der Abgase. Oder wegen des Rauches vom neuesten Weber-Grill mit den Aktionswürsteln aus dem Supermarkt. Die Viecherl sind eh arm, aber was soll man machen? So ein Bio-Fleisch kann sich ja keiner leisten! Und es ist ja sowieso alles Lug und Betrug! Und überhaupt, ich kaufe lieber regional! Und wer kann denn schon so genau wissen, wie es in diesen Fleischfabriken zugeht? Ein Skandal ist das!

Es hat sich nichts geändert. Es war einfach zu kurz oder wir sind zu dumm, oder zu faul, oder zu träge. Oder doch, es hat sich was geändert: Die Armen sind noch ärmer, die Reichen noch reicher. Eh alles nach Lehrplan, so laufen Krisen ja immer. Ein paar mehr Arbeitslose, ein Haufen Konkurse und Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Immerhin konnte mancherorts die Natur ein bisschen aufatmen.

Und weiter ?

Kein Wort über die Ursache so einer Epidemie. Kein Wort darüber, dass wir sie selbst verursacht haben mit unserem unersättlichen Lebensstil, der für uns völlig selbstverständlich ist. Nur einigen Randgruppen wie Arte-ZuseherInnen oder aufmerksamen Ö1-HörerInnen wird es doch nicht ganz entgangen sein.

Jetzt könnte man endlich sogar weltweit! richtig durchgreifen. Politiker könnten sich trauen, wirklich etwas für das Gemeinwohl zu tun. Zukunftsorientiert! Aber eine Zukunft, die weiter geht als die nächste Wahl, kennen sie nicht. Die Zivilgesellschaft tut, was sie kann, aber das ist viel zu wenig.

Wegen der Wirtschaft warat’s

Wir retten jetzt also keine Banken, aber Fluglinien. Kein Silbe mehr über die dritte Piste – die Wirtschaft, die Wirtschaft und jetzt erst recht! Im Burgenland wird ernsthaft darüber diskutiert, eine Schnellstraße zu erweitern, damit man dort endlich 130 km/h fahren kann. Es wird darüber geredet, Autokäufe zu fördern, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ein Popup (!)-Radweg in Wien wurde inzwischen schon wieder gekübelt. Zu viel Hindernis für die Autos. Dafür macht man schön den ersten Bezirk autofrei – das ist der Bezirk, in dem es recht wenig Bedürftige gibt und der sowieso einer der ruhigsten in ganz Wien ist. Vom Ring vielleicht mal abgesehen. Nicht einmal die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel in der Gastronomie wird durchgesetzt – wo ist bitte das Problem? Jeden Tag lese ich Dinge, die ich nicht fassen kann. Wie geht das?

Vermögen werden nach wie vor nicht angefasst – nicht einmal ernsthaft diskutiert. Transaktionssteuern? Na sicher nicht. Die Wirtschaft! Erbschaftssteuern? Wo kommen wir denn da hin, wenn ich für mein mühsam geerbtes Schloss noch was zahlen muss, das ist ja schon mehrfach besteuert! Ja klar, verzeih meinem vorlauten Gehirn, lieber Vermögende. Dass wir daran auch nur eine Sekunde lang gedacht haben, diese Lösung wäre doch etwas zu fair. Aber dann können wir ja gar kein Grundeinkommen… Entschuldigung, bin schon still.

Kein Regen für Afrika

Flächenförderungen finden in der industriellen Landwirtschaft nach wie vor reißenden Absatz, obwohl wir in anderen Erdteilen damit ganze Dörfer vernichten. Aber die enteigneten Bauern dort, die nicht lesen können, was sie unterschreiben, bekommen ja dann einen schönen Sklavenjob und müssen nicht mehr auf den eigenen Feldern buckeln! Abgeordnete, oder wie man die wichtigen Leute dort nennt, nicken und klatschen anerkennend bei der Weltklimakonferenz, wenn der von Missernten gebeutelte äthiopische Bauer mitreißend erzählt, wie er versucht, die Bewohner in seinem Dorf zu überzeugen. Dass sie Bäume pflanzen, die den Regen anziehen sollen. Er kann nämlich nicht zum Billa gehen und dort einkaufen, wenn er keine Ernte hat. Er verhungert mit seiner Familie. Naja, hätte er halt nicht so viele Kinder haben sollen. Ergebnis der Konferenz? Keines. Man trifft sich halt und redet. Und verbietet Plastikstrohalme oder sowas. Der Afrikaner versteht die Welt nicht mehr. Und schon gar nicht versteht er, wieso er überhaupt eingeladen wurde.

Arme Konzerne

Konzerne, die maßgeblich an der Ausbeutung von Natur und Menschen mitwirken, gründen gemeinnützige Stiftungen und verkaufen Bio-Produkte mit blühenden Wiesen auf der Verpackung. Ein Prozent des Gesamtumsatzes nur, aber man kann eben nicht einfach so… Der Konsument ist schuld, er wünscht Dreck, wir liefern selbstverständlich.  Das Marketing ist gut und das sprechende Schwein hat immer Recht. Und außerdem geht es den MitarbeiterInnen und ProduzentInnen bei uns eh super, sie verdienen so viel, dass uns nur ganz wenig Gewinn übrigbleibt.

Und wir, wir springen dankbar auf den Zug auf. Wird schon nicht so schlimm sein alles. Der Supermarkt ist ums Eck und es ist halt so bequem. Versteh ich, ich bin der bequemste Mensch der Welt. Nur kann Verantwortung tragen halt nicht bequem sein. Leute, die Kinder haben und diese zu vollwertigen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu erziehen versuchen, werden das vielleicht bestätigen. Das ist meistens auch nicht bequem, trotz neuester Smartphone-Generation. Aber was weiß ich, ich hab ja keine Kinder. Und auch kein neues Smartphone.

Herrliche Wanderwege entlang der Thaya. So schön kann Natur auch für den Menschen sein.

Verantwortungsvoll Lebensmittel zu produzieren ist übrigens auch nicht bequem. Oder Kleidung. Oder alles. Das könnten wir honorieren. Aber es ist uns zu teuer. Wir könnten auch überhaupt weniger… und so. Oh nein, wollen wir zurück ins Mittelalter? Natürlich nicht! „Ich lasse mich nicht einschränken!“ Ja, eh. Denk drüber nach, wenn du das nächste Mal die Maske aufsetzt.

Ich schweife ab. Ich bin müde und deprimiert. Überall wird geredet und nichts gesagt. Wir wissen, was wir tun müssen, aber niemand tut es. Nicht einmal die Grünen machen mehr richtig den Mund auf, seit sie in der Regierung sind. Enttäuschend. Klar, da kam Corona dazwischen und man musste irgendwie reagieren. Das hat doch wunderbar funktioniert! Wir haben wunderbar funktioniert. Ohne Widerrede haben wir uns bereitwillig einsperren lassen, der guten Sache wegen haben wir uns versteckt, damit das Virus uns nicht findet. Für die Allgemeinheit.

Wenn uns jemand von oben sagt, dass wir Angst haben sollen, lassen wir unsere Freiheit einfach so einschränken. Warum sagt uns keiner „von oben“, dass wir Angst vor dem Klimawandel haben sollten? Gegen den gibt es ziemlich sicher niemals eine Impfung oder eine Tablette.

Alphatier Mensch

Wir, die wir uns selbst über die Tierwelt erhoben haben, mit unserer Intelligenz. Mit der wir heute sogar imstande wären, gar keine Tiere mehr essen zu müssen! Weil wir doch denken können und mitfühlend sind! Und nicht nur unser Revier gegen Eindringlinge verteidigen und uns ganz primitiv fortpflanzen.

Es gibt so viele gescheite Menschen, die seit 40 Jahren und länger predigen, was passieren wird, wenn wir so weitermachen. Wissenschaftlich fundiert. Ja ja. Jetzt haben wir die schlimmste Krise seit dem Krieg – anders halt. Nicht mit zerbombten Häusern und Bildern von zerlumpten Menschen. Wir sind im Krieg. Immer und überall. Gegen die Natur, gegen uns selbst, wir checken es nur nicht. Wir sterben halt an oder mit Umweltgiften, Armut oder beidem. Wir bauen Grenzen statt uns zu verbünden, wir wachen eifersüchtig über sie, damit nur ja keiner, der nicht zu uns passt, hereinkommt. Kein Fremder, kein Wolf. Es ist ja genug Platz auf der Welt, sollen woanders hin und nicht auf unsere Kosten leben. Die, auf deren Kosten wir schon die längste Zeit leben.

Geheiligte Bequemlichkeit

In unseren Breiten kannst du ganz einfach Lebensmittel kaufen, deren Produktion weniger Ressourcen verbraucht! Sogar im Supermarkt, wenn es sein muss. Warum zum Teufel schaffen wir das nicht? Es ist so leicht, zum Bio-Produkt zu greifen, dafür braucht man keinen Hochschulabschluss! Und wenn du einen hast, dann ist es noch leichter, weil dann möglicherweise sogar mehr Kleingeld im Börserl ist. Und man sich damit gleich das Nachdenken darüber spart, ob man Nestlé boykottieren soll oder nicht. Die wirklich Bösen haben übrigens Namen, die keiner kennt. Cargill, Dreyfus, Bunge oder Addax.

Noch besser geht das übrigens im Bioladen oder in einer Food-Coop, früher Einkaufsgemeinschaft. Letztere ist nicht mehr bequem, dafür überraschend preiswert.

Was ist normal?

Weiter. Warum muss es normal sein, drei Mal im Jahr in den Urlaub zu fliegen? Warum ist es normal, alle paar Jahre ein neues Auto, den neuesten Fernseher, das neueste Handy haben zu müssen? „Shoppen“ ist überhaupt ein Begriff, den ich nicht verstehe.

Wir könnten auch aufstehen. Nicht nur von der Couch aus Online-Petitionen unterschreiben. Konzerne ernsthaft fragen, was denn bitte genau „bessere Baumwolle“ oder „verantwortungsvoller Umgang“ heißt. Selbst tätig werden! Sich interessieren! Sich zu dem, was man kaufen möchte, fragen: Brauche ich das wirklich? Gute ProduzentInnen unterstützen – und zwar ausschließlich, das muss das Ziel sein! Es gibt kein „Das geht nicht“ oder „Das kann ich nicht“. Wir sind hier in einer Position, dass wir entscheiden können, was wir tun.

Manchmal hilft der Blick von oben.
Zusammenhänge

Und was hat das jetzt bitteschön mit meiner Gartenwildnis oder Permakultur zu tun? Oder wollte ich einfach einmal meinen Frust über die Untätigkeit der Menschheit und die Freude an ihrer eigenen Vernichtung loswerden? Das auch, interessiert aber keinen.

Die Permakultur beschäftigt sich mit zukunftsfähigen Systemen nach dem Vorbild der Natur. Das hat es damit zu tun. Es gilt das Credo: Global denken, lokal handeln! Ein Stück weit unabhängig werden. Verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen, egal ob Sonne, Wasser, Boden, Tiere, Menschen. Kooperationen fördern. Man kann keine Permakultur im Sinne der „Erfinder“ betreiben, wenn man sich nicht für Zusammenhänge auf der Welt interessiert und versucht, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Und wo kann man besser damit beginnen als im eigenen Garten? Sagt schon der Titel von Marlies Ortners Buch.

Fangen wir endlich an!

Zum Beispiel mit ein paar Unterschriften:

  • Klimavolksbegehren bis 29.6. Denn dazu musst du nicht einmal aufstehen, wenn du eine Handy-Signatur hast.
  • Es gibt übrigens noch mehr Volksbegehren,  vielleicht ist noch eines dabei, das du HIER unterstützen willst!
  • Und sogar auf europäischer Ebene gibt es Bürgerinitiativen wie zum Beispiel diese HIER. Warum haben das Ende Juni erst 360.000 Leute unterstützt? EU-weit wohlgemerkt! Jeder weiß inzwischen, was Glyphosat anrichtet und liebt die Biene Maja. Läuft nur bis September, dann ist eine weitere Chance vertan!

Wir sind alle keine Heiligen, nein, wir sind meilenweit davon entfernt. Und wenn wir das erkannt haben, steht es uns frei, etwas dagegen zu tun. Und wenn dir der Artikel gefallen hat, darfst du ihn gern in deinem Netzwerk teilen!