Wundergrünes Wien: Blumerl schauen im Prater

Man ist in Wien, das Wetter ist mild und es zieht einen nach draußen. Die Tatsache, dass es in Wien vergleichsweise viele naturbelassene Stellen gibt, motiviert zusätzlich. Denn Parks mit Schurrasen und geometrisch angeordneten Zierpflanzen interessieren mich naturgemäß wenig. Obwohl es auch in diesen Grünflächen oft Platz für Wildwuchs gibt. In Wien passiert tatsächlich recht viel in diese Richtung, das muss man einmal anerkennen.

513 Hektar Schutz- und Erholungsgebiet mitten in Wien

Jedenfalls – wohin marschieren wir denn heute? In den Prater! Über den Gaswerksteg ist er nämlich auch hier in Simmering an der Grenze zu Erdberg ganz schnell zu erreichen. Und trotz des Straßenlärms, der von der Autobahn kommt, findet man sich im Nu in einem Gebiet mit kleinen, einsamen Waldwegen und Rehen, die ganz entspannt mitten am Tag die Wege queren.

Und, das freut das Herz besonders, der Wald im Prater wird in großen Teilen nicht geputzt, es liegt oder steht tonnenweise wertvolles Totholz herum. Ein Paradies für immer mehr zurückgedrängte Wildtiere, vor allem die kleinen, unscheinbaren. Kein Vergleich mit den staubgewedelten Wirtschaftsforsten, die man am Land meistens vorfindet. Und wie immer finden sich in Parks – auch dem Prater – noch viele große, alte Bäume mit ihrer ganz besonderen Ausstrahlung.

Da ist er schon, der Bärlauch, gerade mal fünf Zentimeter hoch.

Die dichte Flora schluckt den Lärm, und wären da nicht die ersten eifrigen Bärlauch-SammlerInnen, die es nicht erwarten können, bis die Pflanzen eine praktischere Größe erreicht haben – man würde abseits der Hauptwege nicht vermuten, dass man sich in einer Stadt befindet.

Gelb und blau ist’s in der Au

Jetzt, Ende Februar ist noch nicht viel los, schaut man aber genauer hin, ist der Frühling natürlich schon im Anmarsch. Seit etwa zwei Wochen blühen bereits die hübschen südeuropäischen Winterlinge (Eranthis hyemalis), die sich bei uns inzwischen auch außerhalb von Gärten sehr heimisch fühlen. Auf den ersten Blick leicht zu verwechseln mit dem verwandten heimischen gelben Windröschen (Anemone ranunculoides), das aber erst viel später dran ist und sich ebenfalls gern in Auwäldern breitmacht.

Gelbe Inseln: Der südeuropäische Winterling blüht seit Anfang Februar im Prater.

Und da sind auch schon, die zierlichen zweiblättrigen Blausterne (Scilla bifolia agg.), von denen es sogar eine Art gibt, die nach Wien benannt ist. Der Aronstab (Arum cylindraceum) schraubt seine schönen Blätter kraftvoll dem Licht entgegen. Diese Pflanze hat übrigens eine besonders gefinkelte Strategie zur erfolgreichen Bestäubung entwickelt. Sie heizt nämlich ihre Blütenröhren ein und lockt damit bestäubende Insekten an, die sie dann eine Nacht lang einsperrt. Zur Sicherheit. Kesselfallenpflanzen nennt man Arten, die diese Methode anwenden, sehr raffiniert!

Zart und gar nicht vorlaut: der Wiener Blaustern als einer der ersten Frühjahrsblüher.

Vor der großen Donauregulierung in den 1870er Jahren gehörte der Prater zum natürlichen Auwald der Donau. Mit der Regulierung, die ein Segen für die über Jahrhunderte von Überschwemmungen geplagte Bevölkerung war, verschwanden aber bereits damals viele typische Auwaldpflanzen wie Prachtnelke oder Sumpf-Wolfsmilch, die auf wechselfeuchten Boden angewiesen sind. Das hat 1936 schon Gustav Wendelberger, 2008 verstorbener Botaniker festgestellt (Link).

Kräftig schiebt sich der Aronstab durch das trockene Laub.

Dafür kamen laut dem Naturschützer andere, trockenheitsverträglichere Pflanzen, die weiße Brunelle etwa oder der spätblühende Löwenzahn, dazu. Beide gelten heute ebenfalls als stark gefährdet.

Es gibt sie noch heute im Prater, die alten, nun vom Hauptfluss abgeschnittenen Flussarme der Donau. Wenige zwar und nur  mehr von Regenwasser gespeist, aber dennoch sind sie wertvolle Biotope und Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere. Die Reste heißen heute Heustadl-, Lusthaus- oder Krebsenwasser.

Es lohnt sich, über die Geschichte des Praters nachzulesen (hier zum Beispiel). Und noch mehr lohnt es sich, ihm einen Besuch abzustatten. Bei jedem Wetter, flanierend auf den Hauptwegen oder still und beobachtend auf kleinen, verschlungenen Pfaden. Am besten jetzt noch, bevor der Frühling die Menschenmassen aus den Wohnungen zieht!

Efeu besetzt den scheinbar toten Baum.