Wilder Balkon

Prachtvoll geschmückte Balkone mit Petunien, Pelargonien, fleißigen Lieschen, und wie sie alle heißen. Nicht enden wollende Blütenfülle in leuchtenden Farben den ganzen Sommer lang, auch jetzt noch Ende August! Sie wollen gehegt werden, gedüngt und ausgezupft. Und wehe, sie werden nicht regelmäßig gegossen!

Inzwischen ist bekannt, dass die meisten dieser Blumen keinerlei ökologischen Wert besitzen, außer, dass sie unsere Augen erfreuen. Sie sind selten umweltfreundlich produziert (zweifelhafte Herkunft, Pestizideinsatz, Mineraldünger, torfhaltige Erden) und – einmal am Balkon – brauchen sie unsere volle Aufmerksamkeit. Durch ihre Züchtung auf äußere, auffällige Merkmale sind sie empfindlich und brauchen unsere volle Aufmerksamkeit. Sie sind nur für uns Menschen (und Produzenten bzw. Händler) gezüchtet und wollen jedes Jahr neu gekauft werden, denn winterhart sind die wenigsten davon.

Pollen- und nektarsuchende Insekten werden manchmal sogar von ihnen angezogen, finden aber nur wenig oder gar keine Nahrung in den sterilen Blüten und verschwenden mit der Suche ihre wertvolle Energie. Und schon gar nicht sind sie Lebensraum für kleine Tierchen oder Futterpflanze für Schmetterlingsraupen (Ausnahmen für Spezialisten bestätigen die Regel, zum Beispiel die  Fuchsie).

Heimische Wilde statt überzüchtete Grazien

Warum also nicht statt dessen einmal ein paar waschechte Heimische pfanzen? Oder säen. Das geht nämlich jetzt im Herbst hervorragend! Hier finden viele Tierchen Unterschlupf und Nahrung, sie sind unempfindlich und brauchen so gut wie keine Pflege – ein bisschen Wasser, wenn der Balkon überdacht ist, wäre allerdings schon angebracht. Und sie danken es uns, indem sie uns mit ihrer Blüte und ihrem Duft erfreuen, im Winter einfach draußen bleiben und  – wenn sie wollen – im nächsten Jahr wiederkommen.

Wir wollen ein paar Nachteile aber auch nicht verbergen, die eigentlich gar keine sind, wenn man ein wenig neugierig und offen ist und die Kontrolle etwas aus der Hand gibt.

Wildblumen wachsen langsam. Oder manchmal auch gar nicht. Sät man zum Beispiel eine schön geplante Mischung aus, kann es passieren, dass aus dem Plan eine gänzlich andere Kombination wird. Und bis man das weiß, kann sehr viel Zeit vergehen, denn die meisten Wildblumen sind zwei- oder mehrjährig. Sie bilden im ersten Jahr nur eine Blattrosette aus und blühen erst im zweiten Jahr. Mehrjährige Stauden dafür dauerhaft, wenn ihnen der Standort behagt. Hier lässt sich schummeln, indem man vorgezogene Pflanzen setzt. Diese haben auch gleich einen Wachstumsvorsprung und blühen früher.

Wildblumen-Experten wie Reinhard Witt (tolle Bücher mit unendlich vielen herrlichen Beispielen!) empfehlen auch eine Initialpflanzung mit einigen wenigen vorgezogenen Pflanzen und dazwischen eine ergänzende Ansaat. So blühen im nächsten Jahr die vorgezogenen, säen sich aus, im Jahr darauf blühen die Ansaaten und säen sich wieder aus und so weiter.

Ich zum Beispiel fange gerade an, Wildblumensamen, die ich in meiner Umgebung gesammelt habe, in Töpfchen auszusäen und zu schauen, was passiert! Das ist wirklich spannend – manche davon entschließen sich, erst im Frühjahr zu erscheinen, sie brauchen die Kälte des Winters als Signal zum Keimen.  Andere kommen jetzt schon. Bei vielen weiß ich gar nicht mehr, welche Pflanzen das werden sollen, weil der Hund die Beschriftungsstreifen verspeist hat – Überraschungen garantiert!

Wild- und Bauerngartenblumen-Kindergarten

Also, warum nicht eine Mischung bei Spezialisten besorgen (oder selber sammeln), und zwar zum Beispiel hier, hier, oder hier, in einen möglichst großen Topf säen, auf den Balkon stellen und schauen, was passiert!

Die richtige Erde

Ein Wörtchen noch zur Erde für Wildblumen am Balkon. Reinhard Witt empfiehlt Dachgarten-Erde intensiv. Die bekommt man in guter Qualität zum Beispiel hier. Oder man mische sie eigenhändig: jeweils ein Teil Gartenerde, Sand (oder Lava/Bims) und Kompost, hierzu gibt es allerdings verschiedene Empfehlungen. Normale, hochgedüngte Blumenerde ist jedenfalls für Wildblumen völlig ungeeignet. Und als umweltbewusste Gärtner*innen kaufen wir selbstverständlich keine Erde mit Torfanteil. Dann noch eine Drainage-Schicht einfüllen und den Topf auf ein Brettchen oder ähnliches stellen, damit das Wasser auch abfließen kann.

Es gilt: Je größer, vor allem tiefer, das Pflanzgefäß, desto besser für die Pflanzen. Und nicht zu dicht säen – 1g/m2 ist der Richtwert, das klingt wenig, ist aber wichtig, um den Pflanzen ein Wachsen zu ermöglichen.

Sollen die Töpfe schon im ersten Jahr erblühen, lassen sich auch einjährige Blumen dazumischen. Besser ist es allerdings, diese in eigene Töpfe mit höherem Humusanteil zu säen, denn sie haben andere Nährstoff-Ansprüche und brauchen mehr Wasser. Hier kommen alle typischen Ackerbegleitpflanzen wie Ackerrittersporn (blüht nur sehr kurz, aber herrlich!), Kornrade, Ackerstiefmütterchen oder Kornblume in Frage. Oder auch nicht heimische Pflanzen, wie sie oft in Bienen-Mischungen oder im Bauerngarten zu finden sind (bitte auf die Herkunft achten!). Ein Topf mit Cosmeen am Balkon ist wunderschön!

Nur zur Hälfte heimisch: Lavendel und Wegwarte

Und wenn sie erstmal blühen, die Wilden! Dann lassen sich auch auf kleinster Fläche viele Tiere beobachten – und das wiederum entspannt die Seele. Die Möglichkeiten sind unendlich – und nur begrenzt durch die Größe des Balkons. Gemüse, Kräuter (auch hier gibt es eine Menge, die auch Bienen Nahrung bieten, wenn man sie blühen lässt – zum Beispiel die klassischen Mittelmeerkräuter) und eben: Wildblumen!

Mehr Info:

Wildpflanzen-Topfbuch von Reinhard Witt

Merkblatt Wildpflanzen am Balkon, österr. Naturschutzbund

Zum Anregung holen und/oder Bestellen, Gärtnerei Strickler, Deutschland